“Weg nach Bethlehem”, Grußwort für Gemeindesinn, Dez. 2016 bis Febr. 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

der Weg nach Bethlehem ist nicht leicht. Für diese Erkenntnis braucht man keine schwangere Frau auf einem Esel zu sein. Als ich vor ein paar Jahren nach Bethlehem fuhr, schien die Hitze erbarmungslos auf uns herunter. Dann standen wir vor der großen Mauer, die der Staat Israel um Bethlehem gezogen hat. Als Stu-dierendengruppe auf Exkursion nahmen wir die Asiaten und den Kenianer in unserer Gruppe in un-sere Mitte. So ging die Sicher-heitskontrolle für uns alle schnel-er, das hatten wir schon gelernt. Wir gingen von Checkpoint zu Checkpoint durch die dicke Mau-er. Das fühlte sich bedrückend an. ,,Aber“ dachte ich ,,dahinter liegt es dann: Betlehem!“

Wir gingen durch das letzte Tor und kamen endlich an in dieser berühmten Stadt, die wir jedes Weihnachten besingen. Tja, und irgendwie hatte ich es mir ganz anders vorgestellt. Da war kein Stern über Bethlehem, der einem den Weg zur Krippe zeigte. Stattdessen waren da mitleidserregende Krippenverkäufer, die einem den Weg in ihren Laden weisen wollten. Die Sonne brannte, Bettler und Hunde suchten im Schatten Schutz. Überall waren Touristen. Es bildete sich eine lange Schlange in der Geburtskirche. Ein paar Sekunden konnte man an der Stelle verweilen, wo Jesus das Licht der Welt erblickt haben soll. Menschen legten ihre Kinder auf diesen Fleck Erde, andere küssten ihn. Das kam mir nicht nur nicht feierlich vor, sondern auch einfach sehr fremd.

Ich sehnte mir nicht nur ein wenig Schatten herbei oder einen kühlen Windhauch. Am liebsten hätte ich gleich eine gehörige Portion Schnee gehabt. So richtig viel Schnee, der alles bedecken würde, was in dieser Stadt so hässlich aussah, so verletzt. Schnee, der auch diese große, graue Mauer bedecken würde. Der irgendwie diese Stadt doch noch in eine heile Weihnachtsstadt verwandeln könnte, wie ich sie aus deutschen Kinderbüchern und Touristenläden im Erzgebirge kannte.

In jeder Adventszeit sehnen wir uns danach, dass alles heil wird. Wir machen es uns gemütlich, mit Zimtsternen und Weihnachtsmusik. Wir würden gerne eine weiße Weihnacht haben, am besten zu Hause. Die Welt verschwindet dann unter Puderzucker. Alles, was nicht stimmt, das ist einfach weg.
Aber der Weg nach Bethlehem ist nicht leicht. Und Bethlehem sieht anders aus, als wir uns das auf den ersten Blick wünschen würden. Immer wieder begreife ich das neu. Schnee, der alles schön heil aussehen lassen kann, hat Jesus nie gesehen. Gott feierte Weihnachten weit weg von zu Hause. Ganz ohne Zimtsterne, sondern zwischen Stallmist. Er ist ein Patchworkkind, aus wundersamen Verhältnissen. Sein Stiefvater brauchte extra ein Gespräch unter vier Augen mit einem Engel, damit er seine Familie nicht verlässt. Von wegen schöne heil(ig)e Familie.

Gott schickte eben keinen Schnee, der einfach alles übertüncht. Sondern: Gott kam selbst mitten hinein in unsere kaputte, verletzte Welt. Ich wünsche uns allen eine Adventszeit, in der möglichst wenig Weihnachtspuderzucker unsere Wirklichkeit bedeckt. In der wir den Mut haben offen mit Problemen und Wunden von uns selbst und von anderen umzugehen, z.B., indem wir uns als Freunde oder Familien den kaputten, verletzten Momenten im Leben miteinander stellen. Anstatt so zu tun, als wäre alles heil und gemütlich, weil ja Weihnachten ist. Ich glaube, dass sind erste Schritte sich wirklich zu vertragen.
Der Weg nach Bethlehem ist nicht leicht. Das war er früher nicht und ist er auch nicht heute. Bethlehem ist noch nicht das himmlische Jerusalem, in dem alles heil sein wird. Sondern Bethlehem steht für den Ort, an dem alles Unheile miteinander geteilt wird.

Im realen Bethlehem machen zahlreiche bunte Graffitis auf der grauen Mauer trotz allem Mut, diesen Weg zu gehen. Szenen des Krieges sind auf der Mauer zu sehen. Und eine Rolltreppe, auf der Menschen die Mauer hochfahren. Auf der Zeichnung einer Friedenstaube hüllt diese sich noch in eine schutzsichere Weste. Die Graffitis machen das Unrecht dieser Mauer sichtbar und fordern Frieden. Sie träumen von offenen Toren, durch die jeder Mensch durchgehen kann. Sie träumen davon, dass es Frieden geben wird zwischen Völkern und Familien. Aber sie zeigen auch deutlich auf, dass der Weg nach Bethlehem schwer ist.Ich glaube das ist ehrlicher als jeder Schnee, der übertüncht.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Start ins neue Jahr.

Ihre Anna Meschonat Vikarin in Burg-Gräfenrode und Okarben

 

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